My review of Iversen’s and Soskice’s Democracy and Prosperity on Soziopolis.

Opening paragraphs

Democracy and Prosperity, die neue Monografie von Torben Iversen und David Soskice, liest sich über weite Strecken wie solide politikwissenschaftliche Hausmannskost. Da gibt es die ein oder andere Regression, Einstellungsdaten aus dem World Value Survey, Median-Wähler, Parteien- und Regierungsvergleiche, kurze historische Länderstudien aus der OECD-Welt und kunstvolle Theorietransfers aus der Neuen Institutionenökonomik. Nun, nichts könnte ferner von der Wahrheit sein, als die Behauptung, es handle sich bloß um irgendein politikwissenschaftliches Buch. In einer Zeit, in der die politökonomische Debatte von Titeln wie Capital in the 21st Century, How Democracies Die und How Will Capitalism End getrieben wird, plädieren Iversen und Soskice, zwei Größen der vergleichenden Politischen Ökonomie, für gelassenen Optimismus. Neoliberale Politik und Finanzialisierung? In Wahrheit sachgerechte Maßnahmen zur Entfesselung von knowledge-based growth. Wachsende Ungleichheit? Ein Wohlfahrtsstaats-, kein Kapitalismusproblem. Finanz- und Fiskalkrisen? Ergebnisse unzureichender internationaler Koordination. Die Hochkonjunktur des Rechtspopulismus? Primär ein Problem der Bildungs- und Regionalpolitik. Das lässt die meisten post-2008 sozialisierten Sozialwissenschaftler/innen wohl erst einmal schlucken. Strukturkrise, immanente Widersprüche und allmählicher Verfall? Nein – zwar ist der Demokratische Kapitalismus hier und da ein wenig reparaturbedürftig, aber im Ganzen alive and well.

Die ausgiebigen Anschlüsse an zeitdiagnostische Debatten verdecken, dass Democracy and Prosperity eine umfassende Intervention in die bestimmende Debatte der Politischen Ökonomie ist. Von Locke über Marx bis Hayek ist die Frage nach Kompatibilität und Wechselspiel zwischen Demokratie und Kapitalismus der zentrale Konfliktstoff der Disziplin. Und Iversen und Soskice verstehen es virtuos, empirische Forschung und theoretische Argumente zu einem Gegenentwurf zu verweben, der den einflussreichen Kapitalismustheorien die Stirn zu bieten versucht. Ihrer Lesart nach sitzen ökonomische Warnungen vor der Bedrohung freier Märkte durch allzu demokratische Demokratien und sozialwissenschaftliche Warnungen vor der Bedrohung von Demokratien durch allzu freie Märkte demselben Fehlschluss auf. Das Verhältnis zwischen Demokratie und Kapitalismus sei ein historisch zutiefst symbiotisches, kein antagonistisches. Diese großtheoretische Intervention ist allerdings nicht der einzige – vielleicht nicht einmal der zentrale – Beitrag des Buchs. Auf dem Weg macht es Vorschläge zur Ausbesserung einiger oft beanstandeter Defizite der vergleichenden Kapitalismusforschung. So integriert die Abhandlung neuere Wirtschaftsgeografie und vergleichende politische Ökonomie, erneuert die Theorie der Varieties of Capitalism um den säkularen Bedeutungsanstieg der Dienstleistungswirtschaft und das Problem der middle income trap und verbindet die historische Demokratie-, Wohlfahrtsstaats- und Kapitalismusforschung. Vieles davon hat man auf die ein oder andere Art schon einmal gehört; im Ganzen ist Democracy and Prosperity nichtsdestotrotz ein bemerkenswertes Buch – herausfordernd, zuspitzend und produktiv irritierend.

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